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Veröffentlich in den Insights
20.04.2018 15:00

Fehlerkultur: Du musst nur einmal richtig liegen

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“Don’t worry about failure, you only have to be right once” – Mach dir keine Sorgen ums Scheitern, du musst nur einmal richtig liegen. Dieses Zitat von Drew Houston hat auch Mark Cuban in ähnlicher Form schon einmal geäußert. Beide müssen wissen, wovon sie sprechen, haben sie doch beide aus dem Nichts je über $3 Mrd. Vermögen aufgebaut. Houston als Gründer von Dropbox, Cuban mit verschiedenen Unternehmen in der Zeit des Dotcom-Booms. Beide sind überzeugt, dass Fehler und Scheitern uns weiter bringen. Besonders hierzulande hat man Panik davor – und bremst damit nicht nur die Innovationsfähigkeit vieler Unternehmen aus, sondern vor allem persönliche Weiterentwicklung.

Chancen und Risiken kommen selten ohne einander daher. Wer als Unternehmer etwas Neues auf die Beine stellen will, schießt häufig ins Blaue und hofft, dass der Plan aufgeht. Kein neues Produkt wird trotz aller Planung, Nutzertests und Marktanalysen genauso ankommen, wie vorhergesagt. Das ist ein Fakt. Risikominimierung sollte bei der Entwicklung eines neuen Produktes natürlich immer eine wichtige Rolle spielen und frühe Nutzertests sowie kurze Feedbackschleifen erlauben viele kleine Anpassungen vor dem Markteintritt. Doch das hat auch einen Nachteil: je länger man testet, desto teurer wird es und desto kleiner werden die effektiven Minimierungen des Risikos. Irgendwann muss man loslassen und springen.

Gerade bei sehr innovativen Ideen bleibt viel Ungewissheit und die Hoffnung auf einen “Lucky Punch” – dass die neue Idee einschlägt wie eine Bombe – treibt einen an. Das ist die Crux: Je ungewöhnlicher ein neues Produkt ist, desto höher die Chance, dass es scheitert. Viele Unternehmen und besonders die traditionsreichen, großen Firmen scheuen das Risiko und innovieren daher eher kleinschrittig, aber kontinuierlich. Die wirklich bahnbrechenden Produkte mit komplett neuen Ansätzen – Spotify, Uber, PayPal – entspringen häufig den Köpfen kleiner Startups, die bewusst das Risiko wählen, weil sie an ihre Idee glauben und Scheitern in Kauf nehmen.

Angst vor Lethargie statt Angst vorm Scheitern

Und Scheitern ist ein gewöhnlicher Meilenstein auf dem Weg zum Erfolg. Die meisten erfolgreiche Entrepreneure eint nicht die Angst vorm Versagen, sondern die Angst davor, Dinge nicht probiert zu haben. Viele große Persönlichkeiten, darunter Walt Disney, Oprah Winfrey, Henry Ford und auch der oben erwähnte Mark Cuban, haben vor ihrer erfolgreichen Karriere eine andere in den Sand gesetzt und dabei zeitweise ihren Ruf ruiniert. Am Ende haben sie aber ihr Genie unter Beweis stellen können.

Man hat das Gefühl, dass Fehler und Scheitern derart stigmatisiert sind, dass die Angst davor lähmend wirkt. Angst vor Verurteilung, davor wie zukünftige Geschäftspartner, Investoren oder sogar die Freunde Sie wahrnehmen würden. Scheitern steht natürlich nicht im Lebensentwurf und wird oft synonym mit Versagen gebraucht. Die Gründe zu erörtern würde den Rahmen sprengen, denn die Misinterpretation von Fehlern und deren Potenzialen, fängt bereits in der frühen schulischen Bildung an, wenn nicht gar davor. Dass in einem Lernprozess aber Misserfolge zu einer steilen Lernkurve beitragen, wird ignoriert. Eine fast schizophrene Sichtweise auf ein natürliches und gesundes Phänomen.

"Du musst perfekt sein, sonst hast du nicht alles gegeben..."

Es gibt natürlich gewaltige Unterschiede bei der Art der Fehler, die wir machen. Fehler aus Nachlässigkeit, Faulheit oder Sturheit gehören nicht zu der Art, die man sich selber und seinen Kollegen oder Angestellten gegenüber tolerieren sollte. Unvorhersehbare Schwierigkeiten, die mutige Projekte scheitern lassen, gehören aber sicher zu den Fehlern, die gemacht werden dürfen – denn mit ihnen kommen oft neue Perspektiven zum Vorschein.

Dabei kann man deutschen Unternehmen nicht vorwerfen, sie seien nicht innovativ. Die solide Innovationskraft hierzulande basiert aber eher auf ausgeklügelten Prozessen, intensiver Forschung und dem Weitergeben von lange gehegtem Wissen – meist klassisch von oben nach unten. Nicht ohne Grund kommen die als innovativ geltenden Unternehmen Deutschlands fast alle aus der produzierenden Industrie. Adidas, Amsilk, Continental und Covestro sind unter den Top 10 der innovativsten Unternehmen weltweit. Im stetig wachsenden Bereich der New Economy sind aber keine deutschen Unternehmen unter den Besten zu finden: Alibaba, der Google Mutterkonzern Alphabet, Amazon und IBM haben hier die Nase vorn. Laut einer Studie der Deutschen Bundesbank sind es aber nicht fehlende Investitionen im IT-Bereich, die daran Schuld sind, dass wir uns in dieser Industrie wenig innovativ zeigen. Es muss also andere Gründe geben.

Fail often, fail fast, fail cheap

Ist es also die Fehlerkultur? Auch, aber nicht alleine. Auch hierzulande kommen immer mehr agile Prozesse bei der Entwicklung von Produkten und Services zum Tragen. Diese erlauben es Unternehmen, schneller und in früheren Stadien Produkte auf die Straße zu bringen und damit auch im Falle des Misserfolgs sehr viel weniger Ressourcen “verschwendet” zu haben, als nach deutlich längerer Entwicklung und Planung. Lieber öfter, schneller und günstiger Scheitern und damit die Chancen erhöhen, mit einer der nächsten Ideen den Volltreffer zu landen. Dazu gehört aber die entsprechende Akzeptanz gegenüber Unternehmen und Unternehmern, die viel probieren und hin und wieder etwas vor die Wand fahren. Informierte Geschäftspartner wissen aber meist, mit wem sie es zu tun haben und ob ein gescheiterter Versuch auf das Konto unfähiger Führung oder ungünstiger Umstände geht.

Bis das aber in allen Köpfen angekommen ist und nach dem Fehlversuch eines renommierten Unternehmens ein innovatives Produkt auf den Markt zu bringen mal kein “Shitstorm” losbricht, wird es wohl noch etwas dauern.