Veröffentlich in den Insights
19.04.2019 10:00

Amazons erstaunliche Produktwelt der Finanzen

Amazon Finanzwelt

Wir haben schon mehrmals exklusiv oder am Rande über Amazon berichtet. Der Retail-Gigant mischt seit Jahren kräftig in der Finanzbranche mit – aber immer nur am Rande. Amazon streckt seine Fühler nach allem aus, was ohne Banklizenz machbar ist und mehr Menschen dazu bewegt, noch mehr Services der Amazon-Welt zu nutzen. Ein Überblick über die erstaunlichen Aktivitäten eines Online-Marktplatzes.

Amazon bietet nicht nur eine eigene Kreditkarte an. Die in Kooperation mit der Landesbank Berlin und Visa eingeführte Kreditkarte ist kostenlos und bietet für Prime-Kunden 3% Cashback auf bei Amazon gekaufte Produkte. Damit bindet Amazon noch mehr Kunden an ihr kostenpflichtiges Prime-Angebot.

Bereits 2007 hat der Konzern mit seinem Dienst “Bezahlen mit Amazon” in den USA pilotiert, seit 2011 ist der Service bei immer mehr deutschen Onlinehändlern verfügbar und heißt mittlerweile nur noch “Amazon Pay”. Mit diesem Service können Kunden bei anderen Onlineshops bestellen, ohne ein Kundenkonto anlegen und Zahlungsdaten angeben zu müssen. Alle nötigen Informationen werden über eine Softwareschnittstelle übertragen – für die Kunden bequem und sicher, für den Dritthändler mit Gebühren verbunden. Allerdings gewinnen Kunden dadurch eher Vertrauen unbekannten Händlern gegenüber.

Auch offline will Amazon künftig seinen Bezahlservice anbieten. Wie genau der hierzulande funktionieren wird, ist allerdings noch unklar.  Der “Amazon Pay Places” getaufte Service ist bisher in wenigen Filialen bestimmter Supermärkte, Tankstellen und Restaurants in den USA aktiv. Sicher ist jedoch, dass Verbraucher zunehmend Geld in ihrem Amazon Konto parken sollen.

Unerreichbare Kundengruppen erreichen

“Amazon Go” ist der Name der amerikanischen Supermarktkette des Handelsriesen. Die Märkte der Kette funktionieren komplett kassenlos – Kunden registrieren sich nur beim Betreten der Filiale und kaufen dann wie gewohnt ein. Beim Verlassen des Geschäfts müssen sie nichts weiter tun. “Just walk out”-Technologie nennt Amazon das. Sensoren haben alle Posten erfasst, die der Kunde in den Korb gelegt hat, der Einkauf wird nach Verlassen des Marktes direkt vom Amazon-Konto des Shoppers abgebucht. Auch wenn Amazon vielleicht nicht der neue Edeka oder Aldi wird, das System an große Ketten zu verkaufen und damit die Abhängigkeit von einem Amazon-Konto zu schaffen, würde sich für Amazon durchaus lohnen.

Für all diejenigen, die (noch) kein Girokonto, Kreditkarten oder andere digitalen Zahlungsmöglichkeiten zur Verfügung haben, hat sich Amazon auch etwas ausgedacht, um diesen Personenkreis dennoch zu kaufkräftigen Kunden zu erziehen. Amazon Cash ist seit Mitte 2018 hierzulande verfügbar und hat den schönen Namen “Amazon vor Ort aufladen” bekommen. Dieser beschreibt bereits ganz gut den Prozess: Kunden laden ihr Amazon Konto wie eine Pre-Paid Karte auf, indem sie einen Barcode ausgedruckt oder auf dem Handy in einem der teilnehmenden Geschäfte vorzeigen und anschließend den gewünschten Betrag einzahlen. Dieser steht dann als Geschenkgutschein zur Verfügung.

Amazon Allowance funktioniert ebenfalls wie ein Geschenkgutschein, der allerdings bspw. für Kinder von deren Eltern aufgeladen werden kann. Allowance bedeutet auf Deutsch soviel wie Taschengeld. Auch hier hat sich Amazon etwas ausgedacht, um an das Geld einer Kundengruppe zu kommen, die sonst in Ermangelung einer Kreditkarte nicht online shoppen würde. Clever.

Amazon Kredite, Hypotheken, FX

Im vereinigten Königreich und den USA verleiht Amazon bis zu jeweils 750.000€ an kleine und mittlere Unternehmen. Der Clou: Die Kredite werden nur an Händler vergeben, die auf der Amazon Plattform verkaufen und die Raten werden über die auf der Plattform erwirtschafteten Erlösen getilgt.

Amazon will dadurch vor allem seine Plattform weiter stärken, Nutzer und Händler bestmöglich aktivieren und immer weiter wachsen. Nahezu alle eigenen Produktentwicklungen und Wachstumsstrategien zielen vor allem darauf ab. Dass Amazon jemals eine Bank im klassischen Sinne werden wird, wie in der Vergangenheit öfters vermutet, ist sehr unwahrscheinlich. Dennoch dürfen sich Finanzinstitute Sorgen machen, denn Amazon wildert in rentablen Geschäftsbereichen und wird langfristig weiter immer mehr Finanzdienstleistungen anbieten. Und die Kunden werden sie lieben.

Der bittere Beigeschmack bei alldem kommt vor allem durch die lasche Regulierung der Internetriesen zustande. So weiß niemand ganz genau, mit welchen Nutzerdaten Amazon handelt, während das Unternehmen immer neue Daten aggregiert. Amazon wäre schön blöd, würden sie jetzt eine Banklizenz anstreben.