Veröffentlich in den Insights
17.05.2019 11:00

Freiberufler auf dem Vormarsch: Die Freelance Economy

Heimlich, still und leise hat sich in den vergangenen Jahren eine besondere Gruppe an Berufstätigen rasant vergrößert: Freelancer, also Freiberufler, die in selbständiger Arbeit Ihren Lebensunterhalt mit immer wechselnden Projekten bestreiten. Der Markt hat sich durch die fortschreitende Digitalisierung massiv vergrößert und bietet für Freelancer, von denen es gerade im Softwarebereich viele gibt, attraktive Vorteile: Arbeiten von überall, hohe Tagessätze, Unabhängigkeit. Aber auch eine gewisse Unsicherheit – und für Banken vielleicht die Chance, spezielle Bedürfnisse der “Gig Economy” zu bedienen?

In den USA machen Freelancer bereits 34% der berufstätigen Personen aus, bis 2020 soll die Zahl dort sogar bis auf 43% steigen. In Deutschland sind etwa 2 Millionen Solo-Selbständige registriert, viele davon im IT-Umfeld und im Bereich Beratung, aber auch Rechtsanwälte, Ärzte und Ingenieure arbeiten als “Ich-AG”. 91,05€ verdienen sie laut einer Marktstudie dabei im Schnitt pro Stunde, was allerdings durch Leerlaufzeiten, teure Krankenversicherung und unbezahlte Urlaubszeiten relativiert wird. Dennoch lohnt sich das Freelancerleben für die meisten Befragten – drei Viertel wollen weiter als Freiberufler arbeiten.

Freelancer werden selten in der Regelmäßigkeit wie Festangestellte bezahlt. Mit dieser Tatsache ergeben sich auch spezielle Bedürfnisse. Idealerweise haben Freiberufler immer genug auf der hohen Kante, um Auftragsflauten ausgleichen zu können. Kommt zur Auftragsflaute aber dann noch versprochene Zahlungen zu spät, schaut auch der vorausschauende Freelancer in die Röhre und muss Überziehungsgebühren oder überteuerte Kurzzeitkredite in Kauf nehmen. Beides wirkt sich längerfristig auf seine ohnehin schon brisante Kreditwürdigkeit aus. Hier könnten Banken im Zuge der immer größeren Personalisierung ihrer Produkte spezielle Lösungen für Freelancer anbieten, die deren unregelmäßigen Zahlungseingänge berücksichtigen.

Wichtige Themen der Zukunftsplanung, die einen Kredit erfordern, sind für Freelancer leider auch sehr problembehaftet. Aufgrund des fehlenden steten Arbeitsverhältnisses sind die Chancen auf einen günstigen Kredit ungleich schlechter und die Beantragung von Krediten mit aufwendigen Prüfungen verbunden. Auch der Großteil der beliebten Peer-to-Peer Plattformen straft Freiberufler deshalb ab – trotz fortschrittlicher Kredit-Scoring Modelle. Wenn die Partnerin oder der Partner nicht gerade auf Lebenszeit verbeamtet ist, ist für Freelancer-Familien das Thema Kredit mehr als frustrierend. Dabei wäre gerade diese Personengruppe eigentlich sehr attraktiv, benötigen sie doch öfter als andere Gruppen zumindest kurzfristige Kredite und können diese in geschäftigeren Zeiten auch problemlos zurückzahlen.

Die heute machbare Technologie könnte dieses Problem mit Hilfe von smartem Kredit-Scoring speziell für Freiberufler lösen. Risiken ließen sich prinzipiell anhand von Daten zu typischen Einkommenszyklen, Durststrecken und Ausgaben berechnen und darauf basierend personalisierte Angebote zum Geldverleih erstellen. Es wäre eigentlich fatal, eine Bevölkerungsgruppe von attraktiven Kreditlösungen auszuschließen, weil aktuelle Berechnungsmodelle zur Kreditwürdigkeit die besondere Position von Freelancern nur unzureichend berücksichtigt. Möglichkeiten die Risiken, die Banken mit Krediten für Freiberufler eingehen, zu minimieren werden dringend benötigt, denn das wäre für beide Seiten ein gelungenes Geschäft.

Die Zahl der Freelancer weltweit wird weiter steigen. Nicht nur die Entwicklung der Geschäftswelt, auch die Bedürfnisse und Wünsche jüngerer Generationen haben sich verändert. Sie setzen den Fokus vermehrt auf Werte wie Freiheit, Selbstbestimmung und -verwirklichung. Es ist also an der Zeit, sich auf die Konsequenzen dieses Lebenswandels einzustellen, nicht nur um Profit daraus zu schlagen, auch um eine Generation, die den Wandel der Arbeit vorantreibt, zu unterstützen.