#Arbeit & Beruf
Veröffentlich in den Insights
08.06.2018 08:00

Produktivität: Wieso weniger Arbeit oft mehr ist

Arbeitszeit und Produktivität

Menschen in Deutschland arbeiten in der Regel 40 Stunden pro Woche, acht Stunden am Tag. Erstmals öffentlichkeitswirksam eingeführt wurde der acht-Stunden-Tag 1914 von Henry Ford, der – als Antwort auf die stark gestiegene Produktivität durch die Produktionsstraßen in seinen Fabriken – erkannte, dass nicht überarbeitete Kräfte weniger Fehler machen und ein glücklicheres Leben führen. Arbeiter mussten bei höherem Lohn zwei Stunden weniger täglich und einen Tag weniger in der Woche arbeiten, die Gewinne durch die Produktivitätssteigerung wurden also an sie weitergereicht. Diesen Schritt haben wir in der Industrie 4.0 bisher leider vergessen.

Nach der zweiten Industriellen Revolution, angetrieben durch elektrische und kohlebetriebene Maschinen, stehen wir nach der dritten und mitten in der vierten nun wieder vor einem Scheideweg: wir haben die Produktivität der Arbeit durch Computer, Internet und tausende darauf basierende Tools wieder einmal um das zig-fache gesteigert.

Telekommunikation per Handy und Skype, Kollaboration über Tabellen und Dokumente in der Cloud, Meetings remote statt vor Ort – all das lässt jede einzelne Bürokraft um ein vielfaches mehr schaffen, als noch vor 25 Jahren und beschreibt dabei eigentlich nur Lösungen, die wir nun bereits seit vielen Jahren nutzen. Dabei erwartet uns mit künstlicher Intelligenz und Robotik ein noch viel größerer Produktivitätssprung, der sich noch weniger auf Büroarbeit beschränken und auch gesellschaftlich noch einmal mehr Veränderung mit sich bringen wird. Bald schon werden wir die Auswirkungen deutlich zu spüren bekommen.

Wir arbeiten produktiver, doch haben nichts davon

Dennoch sind im Zuge explodierender Produktivität weder die Löhne entsprechend gestiegen, noch haben Arbeitgeber ihre Arbeitszeitmodelle angepasst. Effektiv schafft ein Mitarbeiter so immer mehr Wert für ein Unternehmen, ohne direkt davon zu profitieren. Dabei ist der durchschnittliche Arbeiter an einem acht-Stunden Tag nicht einmal acht Stunden produktiv, sondern laut einer britischen Studie stolze zweieinhalb Stunden am Tag – den Rest der Zeit vertrödeln Mitarbeiter mit Privatem, Quatschen und Pausen. Das macht nicht nur für den Arbeitgeber wenig Sinn, es frustriert auch die Mitarbeiter, die sich acht Stunden am Tag eingesperrt fühlen, obwohl sie ihre Arbeite in einem Bruchteil dessen erledigen können.

Dabei ist die naheliegende Lösung nicht, dass Mitarbeiter einfach acht Stunden täglich produktiv arbeiten, denn immer und immer wieder beweisen Studien und Experimente, dass sich die Zeit, die der Mensch sich aktiv auf eine Aufgabe konzentrieren kann, bei durchschnittlich knapp unter einer Stunde bewegt. Im Anschluss daran, benötigt das Gehirn etwa eine Viertelstunde, um wieder fit für den nächsten Zyklus zu sein. Andere Studien empfehlen rund vier bis sechs Stunden Arbeit am Tag. Das Gehirn ist, anders als der Körper, nicht darauf ausgelegt, über einen so langen Zeitraum kontinuierlich zu arbeiten. Während die Muskeln, Nerven und das Herz-Kreislauf-System des Körpers sich schnell an die Arbeit anpassen können, ist das Gehirn leider nicht ohne weiteres zu solchen Anpassungen in der Lage.

Arbeitgeber werden um die produktiven Talente konkurrieren

Lange Rede, kurzer Sinn: Wir haben uns, die Implikationen der weiter fortgeschrittenen Technologie ignorierend, einen Arbeitsrhythmus beibehalten, der nicht der Arbeit heutiger Kreativarbeiter entsprechen kann. Dadurch haben sich bei Mitarbeitern viele Strategien eingeschlichen, die acht Stunden im Büro totzuschlagen, während sie täglich nur einen Bruchteil davon produktiv arbeiten und anschließend oft unbefriedigt nach Hause gehen.

Wie viel sinnvoller wäre ein Arbeitstag von vier bis sechs Stunden, während welcher man sich voll konzentrieren kann, um im Anschluss noch genügend Zeit für Familie, soziales und ganz einfach den mentalen Ausgleich zu haben? Alle Zeichen deuten auf den Nutzen hin, doch Schwierigkeiten bringt dies natürlich auch mit sich. Auch Ford sah sich Anfang des 20. Jahrhunderts Vorwürfen anderer Industrieller gegenüber, er untergrabe ihr Geschäft und mache ihre Arbeiter unzufrieden, da sie sich mit denen in Fords Fabriken verglichen, die für das gleiche oder mehr Geld weit weniger arbeiten mussten.

Diese Anschuldigungen beinhalten aber eine unbequeme Wahrheit, die sich zukünftig immer stärker auswirken wird, wenn mehr und mehr Menschen merken, dass Profite, die sie durch extrem hohe Produktivität erwirtschaften, an ihnen vorbeigehen und sie entsprechend Arbeitgeber, die fortschrittlichere Modelle anbieten können, vorziehen. Jemand, der ein Problem in 2 Stunden lösen kann, sollte dafür dieselbe Entlohnung bekommen, wie jemand, den das Lösen des Problems 2 Tage kostet. Gibt es keine Incentivierung für größere Produktivität, werden Arbeitnehmer sich auch nicht auf den Kopf stellen, um am Ende dadurch noch stärker belastet zu werden. Wir messen alles in Stunden und Tagen, statt erledigte Aufgaben als Messgröße zuzulassen und forcieren dadurch Leerlauf im Büro, der allen Beteiligten schadet.

Eine Aufgabe dauert so lange, wie man ihr Zeit gibt.

Das Parkinsonsche Gesetz besagt, dass eine Aufgabe so viel Zeit einnimmt, wie wir ihr zur Bearbeitung geben. Reduzieren wir unsere Deadlines für tägliche Aufgaben, werden wir in vielen Fällen merken, dass sie deutlich schneller erledigt werden können. Dazu muss man allerdings bewusst seine Produktivität steigern, indem man bei der Arbeit Ablenkungen minimiert und Multitasking vermeidet.

Hier muss jeder Arbeiter seine Gewohnheiten hinterfragen und bei Bedarf ändern. Statt ständiger Verfügbarkeit per Mail sind bspw. feste Emailstunden sinnvoll. Dieses zeitliche Kondensieren und thematische Packen von Aufgaben lässt sich auf viele Bereiche der Arbeit anwenden, und starke Zeitverluste sich so vermeiden. Die allermeisten Bürokräfte könnten durch cleveres Zeitmanagement sicherlich zwei bis drei Stunden Arbeitszeit einsparen. Gingen sie dann um 13 Uhr nach Hause, würde das inhaltlich niemandem auffallen, außer der Person selber, die viel Zeit für andere, sinnstiftende Dinge oder die Familie übrig hat – und am kommenden Tag deutlich frischer zur Arbeit erscheint. Früher machte man sich Gedanken darüber, dass zu viel Freizeit zu Müßiggang und Alkoholmissbrauch führe – was tatsächlich oft der Fall war. Heute dürfte klar sein, dass diese Angst nicht mehr begründet ist und mehr Freizeit zu mehr, möglichst sinnvollem, Konsum führen kann, der sich auch volkswirtschaftlich positiv auswirkt. 

Das Mindest ist allerdings nicht etabliert, denn weniger aktiv auf der Arbeit verbrachte Zeit setzen viele mit Faulheit gleich und eingesparte Zeit sollte am besten mit anderen Aufgaben wieder aufgefüllt werden. Ob das sinnvoll ist oder nicht, interessiert nicht. Solange dieses Mindset bei uns herrscht, werden wir weiterhin viel Zeit verschwenden, statt an einer modernen, gesünderen Arbeitskultur für alle Beteiligten zu arbeiten. Und das ist überaus schade.