#Payment #Digitalisierung
Veröffentlich in den Insights
09.07.2018 10:00

Das liebe Bargeld – Die Vor- und Nachteile

Bargeld ist das beliebteste Zahlungsmittel in Deutschland

Die Deutschen lieben ihr Bargeld, so war es, so ist es und so wird es immer bleiben – oder etwa nicht? Ein stetiger Wandel im Zahlungsverhalten macht auch vor Deutschland nicht halt und lässt den Einsatz von Scheinen und Münzen zugunsten von Karten-, Online- und Kontaktloszahlungen zurückgehen. Mit welchen Folgen? Die Vor- und Nachteile unseres geliebten Bargelds.

Mit rund 48% liegt der Umsatz durch Barzahlungen hierzulande noch immer auf einem sehr hohen Niveau, hat im Vergleich zu 2008 aber bereits um über zehn Prozent abgenommen. Im Schnitt tragen die Deutschen dafür über 100€ Bargeld mit sich herum. Die Umsätze durch Kartenzahlungen, inkl. EC, Kreditkarte und NFC, kommen zusammen heute auf knapp unter 40%. Wir nähern uns also einem ausgeglichenen Verhältnis, sind damit aber alles andere als fortschrittlich unterwegs. Da mit Bargeld jedoch eher kleinere Beträge bezahlt werden, sprechen die Zahlen eine andere Sprache, wenn wir nicht den Umsatz, sondern die Transaktionen betrachten: 74% der Transaktionen finden demnach bar statt.

Aber das sollte kaum überraschen, schließlich halten die Deutschen ausdrücklich am Bargeld fest – Sie auch? Aktuell befragen wir Sie zu diesem Thema auch im Rahmen unserer Ideenlabor Umfrage. Bringen Sie Ihre Meinung hier mit ein.

Konträr dazu sieht man beispielsweise das britische Pfund und die schwedische Krone nur noch selten in Form von Banknoten und Münzen: Gerade einmal drei Prozent des britischen BIP von 1,7 Billionen Euro sind als Bargeld im Umlauf. In Schweden liegt der Anteil nur noch bei einem (!) Prozent. Ob man sich die Briten und Schweden aber deshalb zum Vorbild nehmen sollte, darüber ist man sich oft uneinig, denn neben einer Reihe offensichtlicher Nachteile, hat Bargeld auch einige starke Vorteile, die es bei uns so beliebt macht. Und das nicht unbedingt zu Unrecht.

Die Vorteile von Bargeld …

  • Bar zahlen bedeutet anonym zahlen. Das meistgenannte Argument ist immer noch ein sehr relevantes: Überall hinterlässt man Datenspuren, das Barzahlen ist eine der letzten Bastionen der Anonymität. Kein Payment Provider und keine Bank kann nachvollziehen, was mit dem Bargeld gekauft wurde, der Partner kann auf dem Kontoauszug nicht sehen, was man sich gegönnt hat oder wo genau man sich bewegt hat. Eine kleine Insel der individuellen Freiheit.
     
  • Noch ist bargeld das einzige unbeschränkte Zahlungsmittel, es darf also von niemandem abgelehnt werden, einmal abgesehen vom Zahlen größerer Beträge mit Unmengen von Münzen.
     
  • Vermeintlich sicherer soll das Zahlen mit Scheinen und Münzen sein. Zwar werden Kassenterminals immer sicherer und das Ausspähen der PIN aufgrund omnipräsenter Hinweise und SIcherheitsvorkehrungen immer schwieriger. Beim Bargeld aber kann man Ihnen immer nur so viel abnehmen, wie Sie auch tatsächlich dabei haben und nicht gleich das gesamte Girokonto leerräumen.
     
  • Gerade junge Menschen und solche mit einer schlechten Kontrolle über Ihr Konsumverhalten behalten mit Bargeld leichter den Überblick. Das Portemonnaie bietet einem unmittelbare Rückmeldung, hebt man regelmäßig einen festen Betrag ab, hat man stets eine gute Übersicht über seine Finanzen. Besonder für Gruppen, die gefährdet sind sich zu verschulden, ist das ein Vorteil.
     
  • Mal eben 2€ für den Straßenmusiker oder zumindest den kleinen Rest aus dem Münzfach für einen Obdachlosen: Bargeld ermöglicht das schnelle und unkomplizierte Teilen kleiner Beträge. In Schweden kann man zwar den Verkäufern von Obdachlosenzeitungen bereits per Kreditkarte kontaktlos Geld überwiesen werden, aber viele Menschen auf den Straßen leiden unter dem Rückgang von Bargeld, etwa in den USA. In London funktioniert das Spenden an Straßenmusiker allerdings schon recht gut – dort ist bargeldloses Zahlen allerdings auch nirgends mehr wegzudenken.
     
  • Eines der liebsten Argumente ist auch die Unabhängigkeit von Banken und die Funktionalität des Bargeldsystems im Falle einer Katastrophe oder längeren Stromausfällen. Dabei zahlt kein Arbeitgeber regulär Löhne in bar aus und auch die für das Bargeld benötigte Infrastruktur (angefangen bei Geldautomaten) benötigt Strom.

… und seine Nachteile

  • Bargeld ist teuer. EU-weit kostet die Bargeldversorgung jährlich etwa 140 Milliarden Euro. Angefangen bei der ressourcen-intensiven Herstellung von Münzen und Banknoten über die Organisation von sicherem Transport und Lagerung bis hin zur Versicherung der Bargeldeinlagerung – all das kostet viel Geld. Zwar ist auch die flächendeckende Ausstattung mit elektronischen Zahlungsmöglichkeiten sehr teuer und es fallen Gebühren für jede Transaktion an, dafür sind die elektronischen Bezahlverfahren aber auch deutlich stärker skalierbar.
     
  • Schwarzgeld, Geldwäsche und Terrorismus werden durch Bargeld deutlich einfacher. Bargeldströme sind kaum kontrollier- und verfolgbar und öffnen damit dubiosen Machenschaften eher die Tür, als elektronisches Geld. Ob es 500€ Schwarzgeld an die Handwerker oder Hunderttausende Dollar an terroristische Vereinigungen sind: Geld, das bar im Umlauf ist, ist nicht zu kontrollieren.
     
  • Ein dichtes Netz aus Geldautomaten und Bankfilialen ist notwendig, um eine ständige Versorgung mit Bargeld sicherzustellen. Aktuell gibt es auch in Deutschland ein Filialsterben, viele Geldautomaten werden so selten genutzt, dass sie sich nicht mehr rentieren. Auf Kurz oder Lang wird sich das Abheben und Einzahlen von Bargeld woh weiter in Richtung Händler verschieben, wo es bereits jetzt oft möglich ist, Bargeld abzuheben, etwa an Supermarktkassen.
     
  • Große Beträge sind umständlich zu bezahlen und für Händler schwierig zu versichern. Wer ausschließlich Bargeld annimmt und wertvolle Güter vertreibt, den erwarten hohe Kosten für Versicherung und Transport des Geldes. Für Verbraucher ist es ebenfalls umständlich und unsicher, mit tausenden Euro in der Tasche umherzulaufen. In Frankreich und Italien gibt es Beispielsweise eine Obergrenze für Bargeldzahlungen: Nur bis 2.999,99€ darf bar bezahlt werden. In Italien lag die Grenze bis zuletzt noch bei 999,99€ und regulierte dabei sogar den Geldverleih zwischen Freunden.

In beiden Lagern, bei den Befürwortern und entschiedenen Gegnern des Bargelds, lassen sich also gefällige Argumente finden. Welche überwiegen, ist häufig eine Frage der Perspektive. Banken profitieren von bargeldlosem Zahlungsverkehr dadurch, dass das gesamte Geldvermögen auf den Konten liegt, Negativzinsen könnten Verbrauchern allerdings dadurch langfristig schaden, ohne dass sie die Möglichkeit hätten, das Geld andernorts zu lagern. Andererseits wären dadurch Anreize gegeben, Geld eher auszugeben, was volkswirtschaftlich positive Auswirkungen mit sich brächte – geldpolitisch aber wiederum mit größerem Nutzen für Politik und Banken.

Noch überwiegen für die meisten Menschen die Vorteile des Bargeldes. Wie lange sich dieses Mindset aber hält ist nicht genau vorherzusagen. Wie die kommenden Generationen mit Geld umgehen (wollen), worauf sie am meisten Wert legen und wie sich das Bewusstsein über die Vorteile des Bargelds in der Gesellschaft hält, wissen wir nicht.