Michael Schweisthal 08.09.2017 17:00

Startups, wie wollt ihr euch finanzieren?

Startup Financing and Funding

“Kommt, wir gründen ein Startup!” ist ein Satz, der wohl selten so häufig geäußert wurde, wie in den letzten Jahren. Ich liebe den Gründergeist hierzulande (auch wenn ich die deutsche Einstellung des Scheiterns gegenüber nicht gerade liebe) und die Investitionen in Forschung, Bildung und Förderung von Unternehmen scheinen Früchte zu tragen. Doch Gründer brauchen Geld, um ihr Geschäft aufzubauen. Punkt. Die wenigsten Gründer und Geschäftsmodelle sind in der Lage ohne ein gewisses Kapital Produkte oder Services erfolgreich am Markt zu platzieren. Selbst wer alleine gründet und mit minimalen Mitteln die Frühphase seines Unternehmens finanziert, muss von irgendetwas leben. Wer nicht das Glück hat ein bequemes finanzielles Polster sein Eigen nennen zu dürfen, steht dann vor der großen Frage: Woher nehme ich die Mittel, die ich für die Entwicklung meiner Idee zu einem ausgereiften Produkt und den anschließenden Markteintritt benötige? Die Antwort lautet meist Fremdkapital. Doch hier kann man viele Entscheidungen treffen, die man später bereut. Deshalb sollte man sich gut überlegen, mit wem man für diese aufregende Zeit ins Finanzierungs-Bett steigt.  

Fast 400,000 Menschen sind 2016 in Deutschland in die Selbstständigkeit gestartet. Rund 14% davon mit Startups. “Ein Start-up bezeichnet junge, noch nicht etablierte Unternehmen, die zur Verwirklichung einer innovativen Geschäftsidee (häufig in den Bereichen Electronic Business, Kommunikationstechnologie oder Life Sciences) mit geringem Startkapital gegründet werden”(Gabler Wirtschaftslexikon). Hier möchte ich noch hinzufügen, dass ein Startup im Gegensatz zu anderen Formen der Unternehmensgründungen meist einen klaren Fokus auf (schnelles) Wachstum und entsprechend stark skalierbare Geschäftsmodelle aufweist. 

Und alle von ihnen können kaum aus dem Nichts heraus Gewinne generieren. Es gibt zahlreiche beliebte Modelle zur Finanzierung eines Startups, die im Folgenden kurz beschrieben werden. Besonders dem Venture Capital soll dabei größere Aufmerksamkeit zukommen, ist es doch das vielleicht komplexeste Modell und wirft in der Regel die größten Summen ab. Doch beginnen wir von vorne...

Mit oder ohne Hilfe, das ist die Frage!

Zu den Hauptfinanzierungsquellen von Startups zählen laut dem Deutschen Startup Monitor 2016 vor allem die eigenen Ersparnisse (84,1%), Familie und Freunde (30,2%), gefolgt von privaten Kapitalgebern (Business Angels, 22,6%) und Venture Capital (18,8%). Staatliche Fördermittel bezogen 35% der Startups und nur 14,6% griffen auf Bankdarlehen zurück. Wie im Schnitt die Kombination dieser Geldquellen pro Startup aussieht, ist nicht nachzuvollziehen.

Eigenkapital

Einige Menschen blicken der Unternehmensgründung entspannt entgegen. Ob sie von Haus aus über genügend Mittel verfügen, über Jahre eine beachtliche Summe zusammengespart haben oder der letzte große Exit direkt ins neue Unternehmen investiert wird: Auch hier sollte abgewägt werden, wieweit man ganz ohne Fremdkapital kommt und ab welchem Betrag man der eigenen finanziellen Sicherheit zuliebe besser die Reißleine zieht.

Bootstrapping ist eine andere Form des nicht fremdfinanzierten Unternehmensaufbaus. Es findet vor allem dann Anwendung, wenn relativ knappe (eigene) Mittel zur Verfügung stehen oder aus anderen Gründen von fremdem Kapital abgesehen wird. Beim Bootstrapping wird versucht so schnell wie möglich unter Einsatz kleinstmöglicher Ressourcen das operative Geschäft aufzunehmen und Umsätze zu generieren. Während viele Startups Jahre brauchen, um überhaupt einen ersten Prototypen zu validieren, muss es beim Bootstrapping schneller gehen. Große Teams und Büroflächen, kostenintensive Infrastrukturen und frivoler Lebensstil sind hier tabu. Dafür sinken die Risiken und man gibt keine Anteile an seinem Unternehmen ab. Und wenn es gut anläuft und sich das Unternehmen selbst trägt, kann man immer noch expandieren – das dann, aufgrund des schon erprobten Geschäftsmodells, oft zu besseren Konditionen, sollte man sich dann doch noch fremdes Kapital ins Boot holen.

Kredite und Darlehen

Mit einer Geldanleihe schafft man sich etwas finanziellen Spielraum und kann weitestgehend frei agieren. Jedoch trägt man auch das gesamte Risiko der Unternehmensgründung alleine und sollte entsprechend fest davon überzeugt sein, mit seinem Startup erfolgreich sein zu können. Wer das erste Mal gründet, sollte hier besonders vorsichtig sein: Fehlende Erfahrungswerte bezüglich der zahlreichen Herausforderungen und Hürden, die man überkommen muss, dürfen nicht unterschätzt werden. Von rechtlichen über finanzielle bis zu persönlichen Unvorhersehbarkeiten warten hier eine ganze Menge Stolperfallen, die auch mit reichlicher operativer Erfahrung so manchem das unternehmerische Genick gebrochen haben. Wenn statt dem Porsche zwei Jahre später der Gerichtsvollzieher vorm Haus steht, ist man wieder ganz schnell auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Dazu kommt es oft aber gar nicht, denn dafür müsste ein Kredit erst einmal bewilligt werden. Und das wird er aufgrund der schwer überschaubaren Risiken einer Startup-Gründung häufig nicht in ausreichendem Volumen. 

Wagniskapital (VCs und Business Angels)

Hier sind wir im Kern der Startupfinanzierung angekommen. Denn zum wirklichen Skalieren braucht man eine ganze Menge Geld. Die Akquise hoher Summen an Fremdkapital erfordert Durchhaltevermögen und die Bereitschaft, Teile seines Unternehmens abzugeben – mindestens finanziell. Denn wer in ein Startup investiert, tut das nicht aus Spaß am Geldausgeben, sondern weil vielversprechende Geschäftsmodelle nach Markteintritt potentiell den Wert des Unternehmens vervielfachen. Und damit auch das dort investierte Kapital. Business Angels und Venture Capital Firmen sind typischerweise in verschiedenen Phasen eines Startups an diesem beteiligt. 

Es gibt außerdem noch Mischformen wie das Crowdfunding, bei dem viele private Investoren über eine zentrale Stelle (wie Seedmatch oder Indiegogo) in Unternehmen investieren können. Zudem bieten ICOs (Initial Coin Offerings) im Blockchain Netzwerk Ethereum ähnliche Funktionen, die aber den Umfang dieses Artikels sprengen würden. Wenn Sie daran Interesse haben, sei Ihnen diese Ressource ans Herz gelegt.

Andere Phase – andere Investoren

Als Business Angels bezeichnet man Privatpersonen, die meist in den frühen Phasen des Fundraisings (eng.: Geldbeschaffung) ihr privates Kapital zur Verfügung stellen, um dem Startup das Einstellen der ersten dringend benötigten Mitarbeiter, die Miete von Büroräumen oder das Beschaffen von Material ermöglichen – alles mit dem alleinigen Ziel die Produktentwicklung auf Hochtouren laufen zu lassen. Diese erste Phase bezeichnet man als Seed-Phase. Neben Business Angels sind hier vor allem noch das Geld von Freunden und Familie, Eigenkapital und Fördermittel involviert, da die benötigten Summen nicht allzu hoch ausfallen (häufig etwa zwischen 30,000 und 100,000 Euro). Auch in der ersten Finanzierungsrunde, die auf die Seed-Phase folgt, sind noch häufig Business Angels unterwegs und investieren dann entsprechend schon mehr Geld, um erste Produkt- und Kundentests, Marketingmaßnahmen und weitere Mitarbeiter zu finanzieren. Nur selten befindet sich das Startup in dieser Phase mit seinem Produkt noch nicht am Markt. Bei bereits gelaunchten Produkten müssen aber noch Kinderkrankheiten ausgemerzt und der Realitätsschock verarbeiten werden, denn selten erfüllt das Produkt sofort alle Anforderungen der Kunden. Entsprechend hoch ist das Risiko noch für die Geldgeber und ebenso so schlecht die verfügbaren Konditionen für die Startups.

Venture Capital Gesellschaften bestehen meist aus einer GmbH und angeschlossenen Fonds, in die ein Großinvestor oder viele kleinere Investoren investieren (s.g. Limited Partners). Ihr Ziel ist es größtmöglichen Gewinn aus dem Investment in ein Startup zu ziehen, der dann an die Investoren ausgeschüttet werden kann. Je nach Größe investieren VCs zwar auch schon in der Seed-Phase. Größere Fonds, bei denen das Risiko einer hohen Investition aber auf viele Anleger verteilt werden kann, investieren aber vor allem ab der ersten Finanzierungsrunde und das nicht nur bei einem Startup, sondern bei mehreren. Mit diesem Portfolioansatz erhoffen sie sich bei geringerem Risiko größere Renditen, indem sie auf bereits teilweise erprobte Pferde setzen. Deshalb investieren VCs meist nicht nur einmal, sondern geben in den folgenden Runden nochmals Geld, um erfolgversprechende Startups in ihrem Portfolio zu halten.

Sowohl Business Angels als auch VCs können, clever ausgesucht, weit mehr als nur Geldgeber sein. Sie sollten sogar! Was ein Startup anstreben sollte ist eine Partnerschaft und keine reine Geldaufnahme. Business Angels sind häufig selber ehemalige oder noch aktive Unternehmer mit viel Erfahrung und einem guten Netzwerk. Venture Capital Gesellschaften sind meist komplex aufgebaut, haben aber entsprechende Verantwortliche, die die Startups bewerten und ihnen mit ihrer Erfahrung und ihrem großen internen wie externen netzwerk helfen können, ihr Produkt zu verbreiten, Fehler zu vermeiden und richtige Entscheidungen zu treffen.

 Nicht nur für die Investoren heißt es daher ‘Augen auf bei der Wahl der Startups, in die wir investieren’ – es gilt andersherum genauso. Hierzu mehr im kommenden Artikel.

 
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