08.03.2019 16:00

Produkte die Sie lieben – auf wackeligen Füßen

Produktentwicklung Banken auf wackeligen Füßen
Seit mehr als einer Dekade konzentrieren sich Banken vornehmlich auf ihre digitalen Strukturen und Strategien. Es gab für sie jahrzehntelang kaum bis keine Konkurrenz, abgesehen von anderen Banken. Doch wie wir alle wissen, sind diese Zeiten lange vorbei. Schon lange konkurrieren Banken erbittert mit digitalen Unternehmen, die die Eintrittshürde in den regulierten Finanzmarkt meistern und emotionale, begeisternde Produkte bauen. Doch wo ist die Emotion bei den Produkten der Banken?

Lösungen für die nervigen alltäglichen Probleme zu finden macht auch Finanzlösungen zu emotional aufgeladenen Produkten. Produkte, die Kunden lieben. Sowohl Fintechs als auch die so genannten Neo-Banken wie N26 in Deutschland, Revolut fast europaweit oder Moven in den USA bedienen das deutlich besser und wachsen entsprechend stark, denn sie ziehen viele Kunden an, während ihr Kostenapparat deutlich kleiner ausfällt, als der traditioneller Banken. Taktiken, wie das Schließen von Filialen um Kosten einzusparen, wird den großen Banken mit ihren teuren, hundert- oder tausendköpfigen Compliance-Teams auch nicht dauerhaft helfen. Kostenlose Girokonten? Bieten ebenfalls viele an, um Kunden anzuziehen, eine sonderlich große Rolle spielt dies allerdings nicht, wenn die sonstige Produktpalette nicht stimmt und es dann nur beim Girokonto bleibt. Gerade Millennials zahlen gerne auch einen gewissen Betrag für digitale Produkte – wenn die Leistung stimmt und das Produkt sie emotional tangiert.

Die große Frage im Raum, wieso die großen Banken nicht mehr innovative und begeisternde digitale Produkte ausrollen, haben wir schon zu Genüge diskutiert. Angefangen bei den alten, langsam und komplex gewachsenen IT-Systemen, bis hin zu isolierten Teams und starren Strukturen und den vielen zu konservativen Mindsets, die aus Sicht der Generation “Digital Native” und erfolgreicher Entrepreneure zu übermäßig defensiven Strategien führen, sind die Vorurteile groß. Und viele sicher wahr. Denn auch wenn die meisten großen Banken trotz ihrer strukturellen Gegebenheiten mittlerweile viele moderne digitale Lösungen anbieten, sind diese in vielen Fällen eben nicht nachhaltig, denn sie fußen auf uralten Systemen, die in ihrer Komplexität absolut ungeeignet sind, flexibel auf wirklich neue Entwicklungen in der Finanzbranche zu reagieren. Zumindest auf Dauer.

Wozu das unweigerlich führt? Es werden aktuell attraktive, schön glänzende und modern wirkende Lösungen auf alte Systeme aufgebaut oder per Softwareschnittstellen so gut es eben geht angebunden. Sie funktionieren, sie können auch begeistern und Kunden binden. Aber sind sie auf lange Sicht nachhaltig genug, um wirkliche, langfristige Veränderungen mitzumachen? Die digitale Transformation wartet nicht auf die schrittweise Anpassung der komplexen Banksysteme. Auf kurz oder lang werden sich Banken und ihre IT-Teams mehr und mehr an agilen Softwareunternehmen orientieren müssen – den von diesen schaffen es auch die ganz großen, innovativ und schnell zu sein. Eine Bank ist in den meisten Belangen heute ein Softwareunternehmen.

Wer jetzt einwirft, dass dann alle großen Banken mit Sicherheit untergehen werden, fehlt dennoch weit. Gerade im letzten Jahr hat sich gezeigt, was stattdessen zunehmend passiert: Kooperationen und Käufe holen das Wissen und die Produkte von Fintechs in die großen Banken. Nischenlösungen für jedes Problem können Banken einkaufen und voll integrieren – oder eben nicht. Mitverdienen werden sie trotzdem, denn sie bieten den Fintechs unerreichbare Reichweiten und Kundenbasen.

Neo-Banken werden die großen Geldhäuser nicht vollends abhängen können.

Noch nicht.