Michael Schweisthal 23.06.2017 09:00

Artikelserie 'Blockchain verstehen': Teil III – Blockchain: Der Computer der Zukunft

blockchain, ethereum

Bisher haben wir in Teil I und Teil II der Artikelserie ‘Blockchain verstehen’ vor allem über die bekannteste Blockchain gesprochen: die Bitcoin Blockchain. Hierunter und unter der Kryptowährung Bitcoin konnten Sie sich vielleicht am ehesten etwas vorstellen. Doch die Bitcoin Blockchain ist nur eine von vielen...

Im aktuellen Artikel geht es vor allem um Ethereum. Die Ethereum Blockchain vermag eine ganze Menge mehr zu leisten, denn sie protokolliert nicht nur Transaktionen, sondern kann ganze Programme, sogenannte Smart Contracts, unterstützen. Eine programmierbare Blockchain also. Aktuell boomt Ethereum enorm, die Währung Ether steigt rasant im Wert. Lesen Sie hier, was Ethereum alles leisten könnte.

Ethereum ist wie das Bitcoin Netzwerk eine Blockchain (wenn Sie genau verstehen wollen, was eine Blockchain ist und wie sie funktioniert, legen wir Ihnen dringend Teil I und Teil II ans Herz), bietet dabei allerdings weit mehr als ‘nur’ eine Kryptowährung zu beheimaten. Wir wollen nicht allzu tief auf die von der Bitcoin Blockchain abweichende Technologie von Ethereum eingehen, interessanter sind hier die Möglichkeiten, Prozesse und Geschäftsmodelle abzubilden und sie somit im Sinne einer Blockchain von Regierungsorganen oder privaten und wirtschaftlichen Interessensgruppen zu trennen.

Durch die Möglichkeit nicht nur Transaktionen zu protokollieren, sondern Programme in Ethereum statt auf einem zentralen Server oder PC laufen zu lassen, ist die Technologie sehr spannend. Richtig, es können Computerprogramme, sogenannte Smart Contracts, programmiert und in der Blockchain gespeichert werden. Die Vorteile in Sachen Unveränderlichkeit, Sicherheit und Transparenz entsprechen der von Bitcoin. Ein Smart Contract, einmal ins Ethereum Netzwerk ausgespielt, kann von niemandem mehr gelöscht werden, kein Mensch und keine Organisation kann das Programm mehr verändern – Blockchain sei Dank. Prozesse können direkt zwischen zwei Personen oder Organisationen ablaufen, ohne Zwischeninstanzen, deren eigenen Interessen mit einfließen. Ergebnisse der Smart Contracts sind verifizierbar, bei allen Nutzern gleich und somit sind hier festgehaltene Entscheidungen objektiv unangreifbar.

Keine dezentrale Datenbank sondern ein dezentraler Computer.

Ethereum ist ein dezentraler Computer. Ein sehr langsamer zwar, aber um große Rechenpower und Geschwindigkeit geht es hierbei auch nicht primär. Es sollen keine durchgängigen, komplexen Berechnungen laufen. Erstmals gibt es mit Ethereum aber die Möglichkeit, relativ komplexe und dynamische Informationen in einem Peer-to-Peer Netzwerk zu sichern. Durch die enorme Transparenz und Sicherheit lassen sich hiermit spannende Lösungen erdenken.

Was der User dazu braucht, ist ein Ethereum Wallet. Hierüber kann man die Kryptowährung Ether versenden und empfangen (das Pendant zu Bitcoin) oder Smart Contracts in das Netzwerk ausspielen – das geschieht ganz einfach per Transaktion, wobei der Smart Contract eine Adresse zugeschrieben bekommt, über welche dessen Funktionen von anderen Nutzern angesprochen werden können. Wenn Funktionen ausgeführt werden (die ebenfalls wie Transaktionen im Netzwerk behandelt werden) kostet dies Ether, da natürlich Rechenressourcen vom Netzwerk benötigt werden, um Transaktionen zu verifizieren. Diese zahlt der Nutzer, der den Smart Contract über eine Transaktion ‘anspricht’.

So könnte in einer Transaktion über den Betrag von 2,001 Ether als Empfängeradresse ein Smart Contract angegeben sein, dessen Bedingung es ist, dass 2 Ether übersendet werden. Automatisiert könnte dann nach Registrierung des Zahlungseingangs eine Aktion ausgeführt werden, wie den Versender als Käufer in einen digitalen Vertrag einzutragen. Das Ausführen der Funktion kostet dabei 0,001 Ether. Hätte der Nutzer nur exakt 2 Ether überwiesen, hätte das System einen Fehler gemeldet und 2 Ether abzüglich der Gebühr zurückgesendet, ohne den Sender in den Vertrag einzutragen.

Möglichkeiten über Möglichkeiten

Ethereum verdeutlicht, dass nicht nur Währungen per Blockchain dauerhaft sicher und transparent verwaltet werden können. Durch Smart Contracts können sich zwei Personen oder riesige Gruppen organisieren und regeln festlegen, Absprachen treffen und Aktionen festlegen, die beim Erfüllen bestimmter Bedingungen automatisiert vom Smart Contract ausgeführt werden. Mehr dazu in den Beispielen. In diesen soll es neben Lösungen, die in Ethereum realisierbar sind, auch wieder um die Bitcoin Blockchain oder andere, ihnen unbekannte Blockchains gehen. Wozu kann man Blockchains also konkret nutzen? Die Möglichkeiten werden zukünftig mit Sicherheit die ein oder andere Branche ganz schön durchrütteln. In den Beispielen spinnen wir ein bisschen rum – einige davon würden aktuell wohl noch an entsprechenden Verbindungen mit bestehenden Systemen und Gesetzen scheitern. Egal, wollen wir mal kreativ sein....

Finanzwesen

Die größte und wohl bedeutendste Veränderung, die Blockchains für Banken bringen könnten, ist der Clearingprozess. Eine Banküberweisung, egal ob online oder in der Filiale vorgenommen, benötigt einige Zeit, bevor sie beim Empfänger bei einer anderen Bank (oder gar in einem anderen Land) angekommen ist. Die Banken sammeln diese Überweisungen und geben sie mehrfach am Tag an eine zentrale Stelle, die die gesammelten Zahlungen dann buchen und an die jeweiligen Banken überweisen bzw. von ihnen einziehen. Das kann dauern. Auslandsüberweisungen in Fremdwährungen benötigen so ca. 2-5 Tage.
Würde dieser Prozess über eine Blockchain laufen, würden Transaktionen nur wenige Sekunden bis Stunden dauern (abhängig von der Blockchain und wie oft neue Blöcke erstellt werden und ob Banken trotzdem noch eine gewisse Zeit lang Transaktionen sammeln). Außerdem wären keine Intermediäre wie bspw. Clearinghäuser notwendig, sondern die Banken würden alle Transaktionen direkt untereinander vornehmen und wesentlich weniger Gebühren erheben müssen. Dabei könnten sich die Banken weltweit auch auf eine eigene, private Blockchain einigen.

Ein weiterer für Banken relevanter Fall können Hypotheken sein. Smart Contracts können automatisiert Zahlungseingänge verarbeiten und abbezahlte Hypotheken aus dem (digitalen) Grundbuch löschen. Im Falle von wiederholt nicht getätigter Zahlungen könnte ein Smart Contract ebenfalls Aktionen wie Zwangsversteigerungen über die Blockchain auslösen. Hier benötigt es keinerlei weiterer Eingriffe durch jedwede Person, wenn der Vertrag alle diese Fälle abdeckt.

Versicherungen

Etherisk haben als Showcase eine Flugversicherung entworfen. Sie entschädigt die Fluggäste, wenn ihr Flug zu spät ist oder entfällt. Die Nutzer zahlen in einen Contract ein und kommt es zu einer Verspätung, wird ihnen ein Betrag X ausgezahlt. Der interessante Aspekt einer Blockchain hier ist, dass der Smart Contract automatisiert die Zahlungen tätigt, sobald klar ist, dass der Flug ohne Verschulden des Fluggastes verpasst wurde. Somit sind auch kleine Beträge, die sich sonst aufgrund hoher Bearbeitungskosten nicht lohnen, leicht zu versichern. Die Daten der Flüge bekommt der Smart Contract übrigens von so genannten Oracles – andere Smart Contracts, hinter denen bspw. eine Firma steckt, die die Flugdaten so in Ethereum einspeisen und somit quasi eine Brücke zur echten Geschäftswelt sind.

Politik

Die meisten Blockchains sind demokratisch. Entscheidungen über Grundlegende Veränderungen des Netzwerks werden mehrheitlich gefällt. Wenn Gemeinden und Städte oder gar ganze Länder demokratische Entscheidungen per Smart Contract in eine Blockchain verlagern, wären hier schnellere, günstigere und einfachere Wahlen möglich und es könnten bspw. Informationen und Tools zur Entscheidungsfindung verknüpft werden.

IoT

Es müsse keine Personen hinter den Usern in einer Blockchain stecken. Auch internetfähige Geräte können in Smart Contracts Aktionen auslösen und Kryptowährungen senden oder empfangen. Das bedeutet auch, dass bspw. über einen Smart Contract ein IoT-fähiges Elektroauto und eine Solarzelle miteinander ausmachen können, dass der Account des Autos für jede Kilowattstunde an Ladeenergie eine bestimmte Menge einer Kryptowährung an den Account der Solarzelle zu zahlen hat. Das alles ginge dann natürlich ohne dass der Fahrer oder der Besitzer der Solarzelle etwas tun müssten.

Wir erleben aktuell die Entstehung und Weiterentwicklung einer spannenden Technologie, deren Wichtigkeit für uns häufig mit der des Internets Mitte der 90er Jahre verglichen wird. Es werden noch lange nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sein und wir werden vielleicht noch einige Aufs und Abs erleben. Es setzen gerade viele Banken, Versicherer und große Wirtschaftsunternehmen auf die Forschung rund um Blockchain. Wieder andere investieren riesige Summen in Kryptowährungen. Die Potentiale sehen viele und dass sie so vielfältig erforscht werden beschert uns in den kommenden Jahren mit Sicherheit viel Spaß und Spannung.

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